Samstag, 7. Juli 2012

Exodus in die Skaverei?

Alan Chambers, Präsident von Exodus International,1 macht seit einiger Zeit Schlagzeilen. Auf die Frage, wie er zur "Homo-Ehe" stehe, antwortete er neulich in einem Interview mit der Zeitschrift The Atlantic: "Some of us choose very different lives than others. But whatever we choose, it doesn't remove our relationship with God."2 Damit sagt er, als Christ könne man leben, wie man will - die Gottesbeziehung werde davon nicht berührt. Fast im gleichen Atemzug bekennt er jedoch, dass praktizierte Homosexualität Sünde ist: "Anything outside a monogamous, heterosexual marriage is very clearly stated as sinful in the Bible." Wie passt das zusammen?

Dr. Robert Gagnon, Professor für Neues Testament am Theologischen Seminar Pittsburgh, hat die Kehrtwende, die Chambers in den letzten anderthalb Jahren in aller Öffentlichkeit vollzogen hat, analysiert und darüber einen brillanten Artikel geschrieben.3 Er fordert Chambers auf, sein Amt als Präsident von Exodus niederzulegen, da er homosexuell lebenden Christen vorgaukele, der Himmel und Gottes Wohlwollen sei ihnen sicher. Er täusche sie und überlasse sie einem tödlichen Irrtum, vor dem der Apostel Paulus deutlich gewarnt hat.

Auffallend ist: Überall in der Bibel, wo Paulus Sünden aufzählt, vor denen sich Christen besonders hüten müssen, stehen sexuelle Unmoral und Götzendienst an erster Stelle. Und er sagt ganz klar, dass Menschen, die diese Sünden begehen, nicht ins Reich Gottes kommen werden. Im Römerbrief zeigt er, dass homosexuelles Verhalten eine Reaktion darauf ist, dass sich der Mensch vom Schöpfer abgewandt hat und stattdessen die Geschöpfe anbetet. Und so hat Gott den Menschen "dahingegeben" an sich selbst, weil er sich nicht Gott hingeben wollte. Im 1. Korintherbrief wird die "Wüstengeneration" des Volkes Israel als warnendes Beispiel vorgeführt, die zwar aus Ägypten herauskam, aber in der Wüste starb und nie das Gelobte Land erreichte. Welche Sünden waren daran schuld? Sexuelle Unmoral und Götzendienst, von Paulus "Unglaube" genannt.

Im von David H. Stern übersetzten Jüdischen Neuen Testament wird dies am deutlichsten: "Täuscht euch nicht - Menschen, die vor der Ehe Geschlechtsverkehr haben, die Götzen anbeten, die nach der Ehe mit einem anderen als ihrem eigenen Ehepartner Geschlechtsverkehr haben, die aktiv oder passiv an homosexuellen Handlungen teilnehmen, die stehlen, die habgierig sind ... - keiner von ihnen wird am Reich Gottes teilhaben." (1. Kor 6, 9-10)

Alan Chambers ignoriere nicht nur diese Warnungen, so Robert Gagnon, er widerspreche ihnen sogar. Für ihn deckt die Gnade Gottes alles zu - wenn man nur an Jesus glaube, könne man leben, wie man will. Wahrer, rettender Glaube ist aber nicht nur ein Ja-Sagen zu einer Lehre, er manifestiert sich auch in einem veränderten Leben. Jesus hat allen Herr-Sagern ins Gewissen geredet, die nicht bereit waren, Gottes Willen zu tun. Denn die Gnade Gottes hat zwei Dimensionen: Sie schenkt Sündenvergebung und befähigt zu einem veränderten Leben durch den Heiligen Geist. Verzichtet man auf diese Transformation, die in der Bibel Heiligung genannt wird, verkommt dieses Geschenk zur "billigen Gnade", wovor schon Dietrich Bonhoeffer eindringlich warnte. Gottes Zorn zeigt sich unter anderem darin, dass Menschen unter die Sünde versklavt sind und von ihr zerstört werden - während die Gnade Befreiung von ihr ermöglicht. Wer diese verändernde Kraft Gottes negiert, lehnt damit auch seine Gnade ab.

Wie kann der Präsident einer evangelikalen Organisation, die jahrzehntelang Menschen Hoffnung auf die Befreiung von homosexuellen Gefühlen gemacht hat, sich jetzt hinstellen und das Gegenteil behaupten? "Wir verkünden die Freiheit von Homosexualität" steht im Logo von Exodus!

Aber auch in Deutschland kann man beim Thema Homosexualität Kehrtwendungen beobachten, die man noch vor Jahrzehnten nicht für möglich gehalten hätte.

In der evangelischen Kirche belehrt der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider die Gläubigen, dass Homosexualität jetzt als Schöpfungsvariante Gottes anzusehen sei und öffnet homosexuell lebenden Pfarrern die Türen zum Pfarrhaus. Eine bisher nie erlebte Protestwelle geht seitdem durch die Gemeinden; es droht eine Kirchenspaltung, wie sie die Weltweite Lutherische Kirche und die Anglikanische Kirche wegen dieses Themas erleben. In Berliner Kirchen "predigen" die bekennenden Homosexuellen Volker Beck und Klaus Wowereit zum Christopher-Street-Day, flankiert von einem ebenfalls homosexuellen Superintendenten. Die als Transvestiten auftretenden und Safer-Sex-Materialien verbreitenden "Schwestern der Perpetuellen Indulgenz" halten dazu Fürbitte.

Der katholische Erzbischof Rainer Maria Woelki trifft sich mit Vertretern des Lesben- und Schwulenverbands zu einem "Kaffeeklatsch", schreibt die Schwulen-Webseite queer.de. Kurz zuvor sorgt der österreichische Kardinal Christoph Schönborn im ORF-Fernsehen4 für Aufregung. Er befürwortet, einen homosexuell lebenden Mann in den Pfarrgemeinderat zu wählen, nachdem er bei einem gemeinsamen Mittagessen die Überzeugung gewonnen hat, der junge Mann meine es ernst mit dem Glauben, sei sympathisch und habe mit seinem Partner ein gemeinsames Haus. Der Moderator der Sendung fragt konsterniert, wie es denn möglich sei, kirchliche Regeln einfach außer Kraft zu setzen, nur weil der Mann sympathisch, hilfsbereit und gläubig sei. "Sie können doch darauf keine Rechtsordnung aufbauen - die Leute wollen doch eine Sicherheit in der Kirche!" Worauf sich der Kardinal mit dem Hinweis rettet, gleichgeschlechtliche Partnerschaften seien zuerst einmal als zivilrechtliche Absicherung zu sehen. Das Grundbaugesetz Gottes aus der Schöpfungsgeschichte werde die katholische Kirche nicht in Frage stellen, aber "... wir sind aufgefordert, den Menschen zu achten, auch in seiner Lebenssituation, die quer liegt auch zur ersten Seite der Bibel. Der Mensch hat immer den Vorrang. Wir halten an beidem fest. Wir halten am Menschen fest, aber wir halten auch an der Regel fest." Dies ist der gleiche Spagat, den auch Alan Chambers jetzt versucht.

Der jüdische Psychoanalytiker Dr. Jeffrey Satinover hat in seinem Artikel "Die paganistische Revolution" mit bemerkenswerter Klarheit beschrieben, was die veränderten Moralvorstellungen insbesondere bezüglich Sexualität für unsere Kultur bedeuten:

Der  Apostel Paulus sprach in Rom zu allen, die es hören wollten. Er forderte sie auf, die „Anbetung“ der Sexualität in ihren vielen Götterformen aufzugeben und stattdessen dem Einen Heiligen Gott Israels nachzufolgen. Die „Götter“ sind nur multikulturelle Varianten der ewiggleichen Baal, Astarte und Moloch. Gegen ihre Anbetung hatten schon die Propheten Israels gekämpft und dabei den Zusammenhang zwischen Götzendienst und ungezügelter Sexualität deutlich gemacht. ...
Die heutigen Veränderungen in der Auffassung darüber, was Homosexualität ist,  kommen im Gewand des wissenschaftlichen Fortschritts einher – obwohl in Wirklichkeit die Wissenschaft diese neuen Auffassungen eher untergräbt als stützt. Tatsächlich findet eine grundlegende Veränderung der öffentlichen Moralvorstellungen statt, verbunden mit einer weitverbreiteten Absage an die jüdisch-christliche Ethik, auf der doch unsere westliche Zivilisation fußt. Was als „Fortschritt“ gefeiert wird, ist in Wirklichkeit eine Rückkehr zu alten paganistischen Praktiken, unterstützt durch die moderne Wiederaufnahme eines gnostischen moralischen Relativismus.
Für den einzelnen homosexuell Empfindenden ebenso wie für jeden von uns in seinen eigenen seelischen Verletzungen und für unsere Kultur als Ganzes liegen die Optionen so klar vor Augen wie für die jüdische Nation tausende von Jahren zurück inmitten ihrer paganistischen Umwelt: „Ich rufe heute den Himmel und die Erde als Zeugen gegen euch auf: das Leben und den Tod habe ich dir vorgelegt, den Segen und den Fluch: So wähle das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen, indem du den Herrn deinen Gott, liebst und seiner Stimme gehorchst und ihm anhängst! Denn das ist dein Leben und die Dauer deiner Tage, daß du in dem Land wohnst, das der Herr deinen Vätern geschworen hat, ihnen zu geben.“ (aus 5. Mose 30, 19–20)

Dass viele christliche Leiter dies nicht mehr erkennen, ist ein erschreckendes Zeichen für die geistliche Blindheit, die sich allerorts ausbreitet. Der Exodus, der in die Freiheit der Kinder Gottes führen soll, kehrt sich um in die Rückkehr ins Sklavenhaus.



1 Eine christliche US-Organisation, die Menschen mit einer homosexuellen Orientierung dabei helfen will, diese zu überwinden. http://exodusinternational.org/
2 http://www.theatlantic.com/national/archive/2012/06/sexual-healing-evangelicals-update-their-message-for-gays/258713/
3 http://www.robgagnon.net/articles/homosexAlanChambersAtlanticInterview.pdf
4 http://de.gloria.tv/?media=274081