Dienstag, 10. Januar 2012

Wie die „Freiwillige Selbstkontrolle“ der Filmwirtschaft einknickte

„Keine Tabus im Unterricht“ fordert der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) seit kurzem auf seiner Webseite und kann zufrieden sein, wenn er sieht, wie seine Forderung bereits in den offiziellen Schulrichtlinien umgesetzt wurde. Um die in der Gesellschaft herrschende „Heteronormativität“ außer Kraft zu setzen, müssen daher auch in allen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens die Tabus fallen, und wie das funktioniert, zeigte uns kürzlich die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) der Filmwirtschaft. 

Für den vom ZDF und der Filmstiftung NRW geförderten Film „Romeos“ über den 20-jährigen Transgender Lukas war letztes Jahr bei der FSK eine Altersfreigabe ab 12 Jahren beantragt worden. Diese gab den Film jedoch erst „ab 16“ frei und begründete ihre Entscheidung im September 2011 wie folgt: „Der Film zeigt einen leidenden jungen Menschen, der auf dem Weg der Geschlechtsumwandlung mit seinem Umfeld, mit Spott und Vorurteilen zu kämpfen hat. Damit behandelt der Film ein schwieriges Thema, welches für die Jüngsten der beantragten Altersgruppe, die sich in diesem Alter in ihrer sexuellen Orientierungsphase befinden, sehr belastbar sein könnte. … Die Schilderung einer völlig einseitigen Welt von Homosexualität im Film könnte hier zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führen. Die explizite Darstellung von schwulen und lesbischen Jugendlichen und deren häufige Partnerwechsel können verwirrend auf junge Zuschauer wirken.“ 

Nun trat Manfred Bruns vom LSVD auf den Plan, der hier einen Fall von Homophobie ausmachte und in seiner Presseerklärung den Spieß umdrehte: Hat sich die FSK schon mal überlegt, welche Belastung die wiederholte Darstellung von vermeintlich normaler Heterosexualität für heranwachsende homo- oder bisexuelle Menschen hat?“ Bruns kritisierte den „homosexuellenfeindlichen Tenor“ und zeigte sich „schockiert, dass die FSK eine Umpolungsrhetorik benutzt, die wir sonst nur aus Kreisen fundamentalistischer Homosexuellenhasser kennen.“ In der Gewissheit, seine eigene Rhetorik („Umpolung“) und das Schwingen der Fundamentalismuskeule werde die Wirkung nicht verfehlen, forderte er am Ende die Geschäftsleitung der Freiwilligen Selbstkontrolle auf, die Entscheidung noch einmal zu überprüfen. 

Sekundiert wurde er dabei von MdB Volker Beck, der seine facebook-Freunde am 1. Dezember 2011 wissen ließ: „Die FSK muss die Einstufung des Films ‚Romeos’ überprüfen und korrigieren. Dazu habe ich die Geschäftsführung der FSK heute in einem Brief aufgefordert. Es ist nicht Aufgabe der FSK, die Auseinandersetzung von Jugendlichen mit Homo- und Transsexualität zu unterbinden.“ 

Der dritte Vorstoß kam von der Regisseurin des Films, Sabine Bernardi, die für das Drehbuch im Jahr 2007 den Kölner Drehbuchpreis erhalten hatte. In einem Offenen Brief vom 3. Dezember 2011 stellte sie gegenüber der FSK harsche Forderungen: „Offenlegung der verantwortlichen GremiumsteilnehmerInnen und deren sofortige Entbindung von jeder weiteren bewertenden Gremiumsarbeit im Hause der FSK…  Gleichzeitig fordere ich die verantwortlichen GremiumsteilnehmerInnen auf, Ihre Identität öffentlich zu machen – nennen wir es ruhig: sich zu outen! … ‚So Leuten muss man die Macht entziehen.’ … Ab sofort müssen für alle weiteren Bewertungsgremien zum Jugendschutz VertreterInnen aus der GLBT-Jugendarbeit angefragt und vertreten sein. Es geht darum, Ihrer verzerrten Wahrnehmung der Realität kompetent und  konstruktiv etwas entgegenzusetzen.“ 

Angesichts dieses massiven Drucks reagierte die Freiwillige Selbstkontrolle prompt und entschuldigte sich für ihre „diskriminierenden Formulierungen.“ Die publik gemachte Fassung ihrer Begründung sei nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen, in der neuen habe man jetzt „sensibler argumentiert“. Während die FSK vorher noch von möglicher Verwirrung und Desorientierung gesprochen hatte, bescheinigte sie nun dem Film eine „feinfühlige Sicht auf Fragen der sexuellen Selbstverwirklichung auf dem Weg zum Erwachsenwerden.“ Zum Verdruss der Regisseurin hielt sie jedoch weiterhin an der Altersbeschränkung ab 16 Jahren fest.

Diese beantragte daraufhin zusammen mit dem Filmverleih Pro-Fun Media eine erneute Prüfung für eine Freigabe „ab 12“. In einer Sitzung am 28. Dezember 2011 ließen sich die FSK-Prüfer „überzeugen“ und revidierten endlich ihre Entscheidung. Die Altersfreigabe wurde auf 12 Jahre gesenkt, mit der kurios anmutenden Einschränkung: „Nicht an den gesetzlich geschützten Stillen Feiertagen.“ 

Der Kampf hat sich gelohnt, schreibt das schwul-lesbische Internetportal queer.de – nur für wen? Für die 12-jährigen Kinder, die sich nun im Kino mit der Problematik „Geschlechtsumwandlung“ beschäftigen dürfen? Was werden sie in dem Film „Romeos“ sehen? Die Regisseurin beschreibt es so: Lesbisch-schwule-bi-transgender Jugendliche als HeldInnen einer Geschichte, positiv belegt in ihren Figurenzeichnungen: selbstbewusst, charakterstark, sehnsüchtig und kämpferisch, mutig und attraktiv, homosexuell und jugendliche Coolness.“ Und fügt noch hinzu, dass in ihrem Film junge Transgender mitspielen, „die bereits mit 16 Jahren mit Genehmigung der Eltern die Testosteronbehandlung begannen.“ 

Auf der Webseite der Freiwilligen Selbstkontrolle kann man lesen: „Auf der Basis des Jugendschutzgesetzes und der FSK-Grundsätze wird in pluralen, transparenten und unabhängigen Prüfverfahren über die Freigabe für fünf Altersklassen entschieden.“

Solche Einschüchterungsversuche gemahnen an Zeiten unseligen Angedenkens, in der eine Reichsschrifttumskammer darüber wachte, ob die Erzeugnisse des Kulturbetriebs dem „gesunden Volksempfinden“ entsprachen. Werden wir auch den Tag erleben, an dem die Homosexuellen-Lobby die Einhaltung ihrer Political Correctness in allen Lebensbereichen durchsetzt?


Quellen: 

http://www.queer.de/detail.php?article_id=15476
http://www.lsvd.de/index.php?id=1701
https://www.facebook.com/pages/Volker-Beck/46819172697?sk=taggednotes
http://www.out-takes.de/index.php/category/gaeste/sabinebernardi/
http://www.queer.de/detail.php?article_id=15506
http://www.queer.de/detail.php?article_id=15657
http://sabine-bernardi.de/wp-content/uploads/2011/11/Romeos_FSK_WIDERRUF_Bernardi.pdf
http://www.fsk.de/index.asp?SeitID=504&TID=473