Dienstag, 15. November 2011

Egozentrisch oder exozentrisch: Ich oder Gott?



Der anglikanische Pastor Rev. Mario Bergner beobachtet mit Besorgnis, wie der Individualismus der Postmoderne auch in den Kirchen Einzug hält. Meine „egozentrische“ Geschichte ersetzt die „exozentrische“ Geschichte Gottes und leugnet jegliche göttliche Autorität. Glaube ich noch, dass ich die Bibel so lesen kann, dass ich erkenne, was Gott gemeint hat – oder denke ich, das einzig Sichere sei mein Gefühl, das ich beim Lesen eines Bibelwortes habe?
"Die Postmoderne benutzt eine Epistemologie (Erkenntnistheorie), die eine Mischung aus subjektiven Erfahrungen, Gefühlen, unserer Kultur und Einflüssen unserer Zeit ist. Die Postmoderne behauptet, durch eigene Wahrnehmung und Erfahrung könne man sich besser der Wahrheit nähern als mit der Vernunft. … Der wichtigste Zugang zur Wahrheit (falls man das überhaupt so nennen kann) in der Postmoderne ist das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte. … In den letzten zwanzig Jahren bekam „meine Geschichte“, wie sie von den sich als Christen bezeichnenden Angehörigen der LGBT-Community erzählt wurde, in den großen Kirchen ganz langsam den Vorrang vor „Gottes Geschichte“. Vergleichen Sie das einmal mit den Aussagen von Dr. Roberta Bayer über Augustinus, der die Bibel las, um zu erkennen, wie Gott ihn sah. Mit anderen Worten: In der Postmoderne bestimmt meine Geschichte wer ich bin, nicht Gottes Geschichte. Wenn wir und nicht Gott über unsere Identität entscheiden, dann definieren wir uns über unser eigenes Selbst, und das ist Egozentrismus. Martin Luther, ein Schüler von Augustinus, bezeichnete das als die innere Haltung der gefallenen Menschheit: der in sich selbst verkrümmte Mensch. Wenn wir auf Gott schauen, um unsere Geschichte im Lichte des Evangeliums zu verstehen, dann strecken wir uns nach etwas und Jemandem aus, der größer ist als wir: Jesus Christus. Damit werden wir durch einen Mittelpunkt außerhalb unseres Selbst und innerhalb von Gott definiert, und werden so exozentrisch. Wenn wir von unserer Position des gefallenen, in sich verkrümmten Menschen über uns selbst hinausreichen und dafür offen sind, dass Gott bestimmt, wer wir sind, betreten wir den Weg der Erlösung zu unserer christlichen Identität. Dies geschieht nur, wenn wir uns mit allem, was wir sind, dem gnädigen Einfluss von Christus überlassen. Dann kann unsere Geschichte zu unserem Zeugnis werden.

Jahrzehntelang beteiligte ich mich nur widerwillig an Diskussionen über Sexualität, die in der Episkopalkirche und in der Anglikanischen Gemeinschaft geführt wurden. Manchmal weigerte ich mich, bei solchen Diskussionen mitzuwirken, weil sie vom theologischen Diskurs zum Reden über verletzte persönliche Gefühle degenerierten. Im Nachhinein denke ich, dass es bei diesem Konflikt weder um konservative oder liberale Vorstellungen noch um Homosexualität oder Heterosexualität ging, sondern um zwei ganz verschiedene Erkenntnistheorien: postmodernes (nicht modernes) oder historisches Verständnis der Heiligen Schrift.

In einem Gespräch mit zwei Priestern, die sich als schwul bezeichneten, und Leitern verschiedener LGBT-Gruppen innerhalb der anglikanischen Church of England versuchte ich, die zwischen uns bestehende Kluft anhand eines Beispiels zu verdeutlichen. Ich zitierte Shakespeares berühmtes Sonett Nr. 18, das so beginnt: „Shall I compare thee to a summer’s day“ (Soll ich dich mit einem Sommertag vergleichen?) Und ich erzählte ihnen, wie einer meiner Studenten der Carnegie-Mellon-Universität, an der ich Ende der 1980er Jahre als Professor lehrte, mir nicht sagen konnte, was das Gedicht bedeutet, sondern nur seine egozentrische Reaktion darauf beschrieb. Ich fragte ihn: „Was meinte Shakespeare mit den Worten ’Sometime too hot the eye of heaven shines and often is his gold complexion dimmed?’” (Zuweilen scheint das Himmelslicht zu heiß, oft ist der Sonne goldenes Gesicht verdunkelt). Der Student beharrte darauf, es gehe dabei um die schlechte Laune seiner Freundin, als sie einmal auf ihn böse war. Ich widersprach ihm: „Shakespeare kannte doch deine Freundin überhaupt nicht. Was könnte denn Shakespeare mit dem scheinenden und verdunkelten Himmelslicht gemeint haben?” Darauf erwiderte er: „Das ist doch egal. Es geht nur darum, was ich bei diesen Worten fühle.” Shakespeares Worte waren nur Erweiterungen seines egozentrischen Gefühlszustands, was laut Jacques Derrida, einem der wichtigsten Propheten der Postmoderne, die einzige Möglichkeit sei, einen Text zu lesen. Ziemlich frustriert sagte ich, Shakespeare hätte mit ‚Himmelslicht’ ganz wörtlich die Sonne am Himmel gemeint und ‚Verdunkeln’ sei eine Metapher für das Älterwerden (in vielen von Shakespeares Sonetten findet man die Mahnung, zu heiraten und Kinder zu bekommen, bevor man zu alt dafür ist). Zu meiner großen Überraschung verteidigte einer der Priester den egozentrischen Ansatz des Studenten, Shakespeare zu lesen. An diesem Punkt der Diskussion sagte ich, worin meiner Meinung nach unser eigentlicher Konflikt bestand. Im Grunde gehe es weder um Schwule oder andere sexuelle Identitäten in der LGBT-Community, sondern darum, ob wir glauben, dass wir die Heilige Schrift so lesen können, dass wir erkennen, was Gott gemeint hat, oder ob wir denken, das einzig Sichere sei unser Gefühl, das wir beim Lesen eines Bibelwortes haben. Mit einem schmerzlichen Blick zeigte er, dass ihn meine Worte verletzt hatten. Da ich diese Dynamik auch schon oft in anderen Gesprächen erlebt hatte, versuchte ich, meine Frustration zu unterdrücken und erklärte: Wenn wir dieses Gespräch nur auf verletzte Gefühle reduzieren und keine vernünftige Diskussion über unsere theologischen Meinungsverschiedenheiten möglich ist, kommen wir nicht weiter voran. Das Gespräch endete bald darauf. Wir standen wie vor einer Mauer.“ …
Mario Bergner ist das, was man einen „Ex-Gay“ nennt. Er überwandt seine homosexuellen Gefühle und ist heute glücklicher Familienvater. Darüber hat er in der Vergangenheit offen berichtet, inzwischen hat er jedoch aufgehört, „seine Geschichte“ zu erzählen.

„Ich habe es schließlich aufgegeben, meine eigene Geschichte zu erzählen – nicht, weil sie es nicht wert ist, sondern weil sie nur als meine Geschichte verstanden wurde. Ich habe aber nicht einfach nur meine Geschichte erzählt, ich habe immer Zeugnis davon abgelegt, wie Jesus mächtig in meinem Leben gewirkt und angefangen hat, alle verwirrenden Botschaften über Homosexualität aus meinem Denken herauszubringen, die ich in der Kirche und in der Gesellschaft gehört habe. Ich hielt mich an Offenbarung 19,10b „Bete Gott an! Das Zeugnis Jesu ist der Geist der Weissagung.“ Wenn ich also Zeugnis ablege davon, was Jesus getan hat, wirkt dies wie ein prophetisches Wort, das Menschen dazu bringt, Gott anzubeten. Trotzdem haben viele mein Zeugnis nur wie alle anderen postmodernen egozentrischen Geschichten behandelt, die genauso wahr oder unwahr sind wie die Geschichte der beiden schwulen episkopalen Priester. … Wenn man versucht, sich mittels der postmodernen Epistemologie der „persönlichen Geschichte“ der Wahrheit zu nähern, verliert Gottes Geschichte ihre Autorität und Kraft, den Menschen in der LGBT-Community sexuelle Erlösung anzubieten.      

Als die Sadduzäer Jesus zur Ehe und zur Auferstehung befragten, antwortete er ihnen: „Ihr irrt, weil ihr weder die Schrift kennt noch die Kraft Gottes.“ (Matthäus 22,29a). Dies gilt heute auch für viele Vertreter der Episkopalkirche und der großen Kirchen." 


Zitate: © 2011 Mario Bergner: “Is Sexual Redemption Optional?”

Donnerstag, 3. November 2011

"Wir werden diskriminiert!" - Der gemeinsame Schlachtruf von Ultras und Homo-Lobby


Anderen ihre eigenen Spielregeln aufzwingend, marschieren die Fußball-Ultras krakeelend und randalierend in die Stadien, um bengalische Fackeln abzubrennen. Wenn sie dann zur Ordnung gerufen werden, schreien sie entrüstet: „Wir wollen doch nur spielen!“ Sie übernehmen immer mehr die Vorherrschaft über die unorganisierten Fans und kümmern sich nicht darum, dass sie den anderen das Spiel verderben. Hauptsache, sie haben ihren Spaß. Ein erzürnter Leser der Frankfurter Rundschau schrieb: „Mit menschenverachtenden Schmähgesängen gegen Spieler und Fans der gegnerischen Mannschaft und dessen Fans, die als Performance ‚getarnt’ diesen frustrierten unbedeutenden Primaten die Möglichkeit verschaffen, endlich mal einen kleinen Hauch von Macht und Autorität auszuüben, bevor sie am Samstagabend Alkohol-glückseelig in ihr Leben als einer der ‚Verantwortlichen’ von Dynamo Dresden oder Eintracht Frankfurt zurückkehren. Dann werden unter der Woche, wie zu Saisonbeginn in München geschehen, Verhaltensmaßregeln gegen den eigenen Torwart erarbeitet, oder in Internetforen wird klargestellt, dass ein Manuel Neuer, alles was er erreicht hat, nicht etwa seinem Talent, oder seinem Fleiß, sondern nur den Schalke-Ultras zu verdanken hat. Das ist an Größenwahn kaum zu überbieten.“ Und weil man der von immer mehr Ultras verübten Gewalttätigkeit Grenzen setzen will, geht nun der Aufschrei durch das Land: „Wir werden diskriminiert!“

Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Die permanent empörte Homosexuellen-Lobby versucht ebenfalls, mit Lautstärke wett zu machen, was ihr an Überzeugungskraft fehlt. Gehört zu ihr doch auch nur eine Minderheit aller homosexuell empfindenden Männer und Frauen, die ganz unorganisiert und still ihr Leben führen und sich angewidert vom schamlosen Spektakel der CSD-Paraden abwenden. Wer ein Wort gegen den schwulen Lebensstil sagt und die Parolen der Gay-Aktivisten in Zweifel zieht, wird als homophob niedergeschrieen. Harmlose Demonstranten und Redner müssen vor ihnen mit großem Polizeiaufgebot geschützt werden. Im eigenen Größenwahn gefangen, fordern sie vehement Toleranz & Akzeptanz für ihren Lebensstil und dulden keinen Widerspruch. Und wer ihre infantile Forderung nach Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe nicht erfüllt, wird angeklagt und vor Gericht gezerrt: „Wir werden diskriminiert!“